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Sven van Thom: Ins Gras (Review)

Artist:

Sven van Thom

Sven van Thom: Ins Gras
Album:

Ins Gras

Medium: CD/Download/Do-LP
Stil:

Deutsch-Rock, Singer/Songwriter und Indie-Pop

Label: Loob Musik/Alive AG
Spieldauer: 51:10
Erschienen: 27.02.2026
Website: [Link]

„Du kannst hoffen, Du kannst beten / Für die Liebe, gegen den Hass / Doch was mich am meisten tröstet: Jeder beißt einmal Ins Gras / Jeder beißt einmal Ins Gras (Refrain des dem Album von SVEN VAN THOM seinen Titel verleihenden Song)

Dann wollen wir doch alle mal „Ins Gras“ beißen – oder doch besser ins Glas scheißen, damit sich die Zahnbürste auf dem LP-Cover von SVEN VAN THOM nicht ganz so einsam darin fühlt...
Oh Mann, der Typ hat jede Menge Sinn für (schwarzen) Humor, der bereits beim Albumtitel und dem in die völlige Irre führenden Cover-Motiv beginnt – und sich über ganze drei LP-Seiten und eine extrem eigenartige letzte Loop-Seite fortsetzt. Man muss wirklich selber viel Humor, aber auch Verstand und Geist besitzen, um einem mit seinem Alter immer wieder haderndem SVEN VAN THOM gewachsen zu sein.

Oh ja, schwarzer Humor ist eins der vielen Markenzeichen des deutschen Liedermachers (Oder doch schon deutschsprachigen Rock-Poeten?), der nicht nur für Erwachsene ziemlich großartige Songs schreibt, sondern auch für Kinder mit echt starken, schwer ironischen Kinderliedern punktet, in denen er beispielsweise sogar eine dreieinhalbminutige Musik-Philosophie über die großen und kleinen, geachteten und verachteten Pupse entwickelt.


Nun ja, der Herr van Thom ist ein echtes 'Phantom', das eine Veilzahl künstl(er)ischer Felder beackert, um zu überleben. Und jeder, der sich den Mut nimmt, mit und in der Kunst zu überleben, der weiß nur zu gut, welch riesige Herausforderungen auf dem breiten Feld der 'brotlosen Kunst' notwendig sind, um damit sein Brot und seine Brötchen zu verdienen. Im Kleinen und bei den Kleinen wie im Großen und bei den Großen...

Auf „Ins Gras“ sind mal wieder die Großen dran – hier wird so gesehen in alle Richtungen gefurzt und das eine oder andere Arschloch bekommt gehörig was auf seine Rosette. Die allergrößten Arschlöcher erhalten dann sogar auf „Hoch die Tassen, Prost!“ ihre allerhöchsten Ehren. Ein bissiger Song, den man jedem unserer unerträglich unfähigen Politiker in ihr Mutti-Heft schreiben sollte – oder um es im Lehrersprech zu sagen: „Setzen sechs, ihr unfähigen Granaten und zurücktreten!“ Hört euch den Song an und denkt einfach mal darüber nach... Also ich jedenfalls wünsche euch genauso wie ein Herr van Thom „Hundekot am Schuh und HubbaBubba in den Haar'n“!


Und das mit der hohen musikalischen wie textlichen Kunst, die diese Doppel-LP im Klappcover mit (allen Texten) bedruckten Innenhüllen zu bieten hat, lässt sie garantiert nicht zu einer Eintagsfliege werden. Vorausgesetzt man hört noch zu anstatt nur so nebenher. SVEN VAN THOM ist ein Phantom! Eins das auftaucht und nicht wieder verschwindet, weil es starke Eindrücke hinterlässt. Der Mann ist Liedermacher und Rocker zugleich. Aber einer der nicht einem B.D. hinterherhächelt, sondern viel lieber dem großen, mysteriösen SCOTT WALKER oder NICK DRAKE.
Gut, auch die waren zu Lebzeiten viel zu unterbewertet und ihre wahre Größe offenbarte sich leider erst nach ihrem Tod. Was keinesfalls ein Hinweis für SVEN VAN THOM sein sollte. Hoffentlich beißt der sich nicht erst mit seinen Zweiten durch, die dann eines Tages neben der Zahnbürste auf dem LP-Cover im Glas liegen.

Darum verbeugt sich van Thom bereits auf dem Eröffnungslied seiner Doppel-LP ganz tief vor SCOTT WALKER, indem er auf „Die Luft“ dessen Coverversion eines Jacques-Brell-Chansons für seine ganz eigene Van-Thom-Coverversion verwendet: „Wenn mich die letzten Jahre irgendwas gelehrt haben / Dann dass meine Hoffnungen naiv und schlicht verkehrt waren... / Die Luft hier, sie wird immer dünner / Du wirst sehen, was dir hier noch alles blüht“.



Neben all diesen bissigen Zeilen und fast belebend anmutenden Rhythmen gibt es natürlich auch ernsthafte, manchmal mit Americana-Folk-Klängen vertonte Songs, die als spannende Duette daherkommen. Beispielsweise wenn im „Lied für dein gebrochenes Herz“ gemeinsam mit der KLEE-Sängerin Suzie Kerstgens die männliche wie weibliche Perspektive beendeter Beziehungen oder im ebenso bewegende traurigen Duett mit Ina Simone Mautz „A Dark Place“ die Schwierigkeiten bestehender Beziehungen zwischen Mann und Frau thematisiert werden, ohne in diese feministische 'Alle-Männer-sind-Scheiße'-Allüren zu verfallen, die mehr über den Geisteszustand von fanatischen 'Hardcoreistinnen' aussagen als jede noch so vernünftige humanistische Wesensart, die das männliche nicht vom weiblichen Geschlecht abtrennt. Vielleicht benötigten gerade die den „Life-Coach“, der stehenden Fußes den gebrochenen Herzen folgt.


Nun könnte man getrost jeden mal albernen („Plazenta im Tiefkühlfach“ - ein echt gewöhnungsbedürftiges Liedchen, ähnlich wie „Abhängig von Globuli“), mal ironischen („Buddha aus Beton“), mal ernsthaften („Das schönste Lied der Welt“ - eine faszinierende Duett-Ballade mit Wencke Wollny von KARL DIE GROßE oder das melodramatische Finale „Auf den Mund“, bei dem einen nicht nur ein Schauer aus Bedrückung und Traurigkeit über den Rücken läuft), mal angriffslustigen („Hoch die Tassen, Prost!“, aber auch „Wütend auf junge Menschen“ oder die altersweise Country-Ballade „Anzug, Schlips & Brille“) mal philosophischen („Immer wieder“) Song in die Review-Waagschale werfen, „immer wieder“ wird dabei eine angenehme, weil gut unterhaltende oder zum Nachdenken anregende Inspiration davon ausgeht, dabei herauskommen – aber eins ist klar: Man sollte auch als Hörer in das mentale Bild von SVEN VAN THOM passen: „Immer wieder sagt mir irgendwer / Jetzt ist mal Schluss mit der Träumerei // Immer wieder steht da diese Wand / Immer wieder laufe ich dagegen / Immer schaue ich nur zu vom Rand / Immer kommt der Fluch ganz ohne Segen“.

So belassen wir es bei den letzten Zeilen des Albums, die bereits auf der dritten LP-Seite gesungen werden, weil einen dann die Loop-Seite (Welch verrückte Idee!) erwartet. Auch hier führt uns der Titel komplett in die Irre. Man erwartet wahrscheinlich bei „Auf den Mund“ ein Lied über das Knutschen, doch dann gibt’s tatsächlich den bedrückendsten und traurigsten Song des Albums zu hören: „Wenn du gehst / Dann bitte geh in Frieden / Wenn du gehst / Dann geh nicht ohne Grund [...] // Schließ die Tür hinter dir / Doch lass den Schlüssel bei mir / Und küss mich noch einmal auf den Mund“.

Schon für den letzten Song könnte man auch die ganze Platte küssen. Doch Vorsicht, das hinterlässt Abdrücke. Abdrücke der anderen, beeindruckenden Art sollte auf jeden Fall auch „Ins Gras“ von SVEN VAN THOM hinterlassen.


FAZIT: Das Leben ist wirklich ein dunkler Ort – und darum muss es auch besungen werden und zwar nicht nur in einem Song wie „A Dark Place“, der als bewegendes Duett auf der Doppel-LP „Ins Gras“ von SVEN VAN THOM hervorsticht. Geprägt von den Einflüssen eines SCOTT WALKER oder NICK DRAKE offenbart uns der Berliner Liedermacher alle guten Seiten gelungener 'deutscher Liedermacherei mit dem einen oder anderen Americana-Hang' von humorvoll bis (sehr) ernsthaft, mit Texten, die es wert sind, dass man nicht nur genau hinhört, sondern auch mal die Kunst des 'Zwischen den Zeilen'-Lesens anwendet. Auch die Duette mit namhaften Sängerinnen der deutschen Musik-Szene hinterlassen tiefe Eindrücke auf „Ins Gras“. Und immer gilt: „Du warst der Typ mit Worten aus Gold und Zeilen aus Zellophan“ („A Dark Place“) Und hoffentlich bleibst du es auch, lieber SVEN VAN THOM.


Thoralf Koß - Chefredakteur (Info) (Review 93x gelesen, veröffentlicht am )

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Wertung: 12 von 15 Punkten [?]
12 Punkte
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Tracklist:
  • Seite A (16:03):
  • Die Luft (2:01)
  • Ins Gras (4:30)
  • Das schönste Lied der Welt (feat. Karl die Große) (3:43)
  • Hoch die Tassen, Prost! (2:47)
  • Staubsaugerarm (3:02)
  • Seite B (17:21):
  • Wütend auf junge Menschen (2:31)
  • Lied für dein gebrochenes Herz (feat. Suzie Kerstgens) (3:52)
  • Der Life-Coach (3:52)
  • Immer wieder (4:31)
  • Buddha aus Beton (2:35)
  • Seite C (17:46):
  • Abhängig von Globuli (1:58)
  • Plazenta im Tiefkühlfach (3:32)
  • Ich kann mich nicht entscheiden (3:14)
  • A Dark Place (feat. Ina Simone Mautz) (3:40)
  • Anzug, Schlips & Brille (2:36)
  • Auf den Mund (2:46)
  • Seite D (unendlich):
  • 16 Loops

Besetzung:

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